Ironman Klagenfurt

Hallo Leute,

erst einmal vornweg: Immer noch bin ich sprachlos aufgrund der vielen Nachrichten und Glückwünsche zu meinem Rennen in Klagenfurt, die mich auf unterschiedlichsten Wegen erreicht haben. Vielen lieben Dank dafür, ihr seid der Hammer! Es ist wirklich toll zu sehen, wie sehr ihr mitgefiebert habt und mir dieses Rennen gegönnt habt. Wahnsinn! Wie ich den Tag am Wörthersee erlebt habe, möchte ich gerne hier etwas ausführlicher erzählen.

Entspannte Fahrt nach Klagenfurt

Entspannte Fahrt nach Klagenfurt

Natürlich ist es für mich ein besonderer Tag. Nicht nur, weil so ein Ironman-Rennen immer ein besonderer Tag ist. Nach den bisherigen Rennen will ich endlich zeigen, was ich wirklich kann. Ich hatte so unsagbar unglückliche Rennen in Roth, Zürich, Frankfurt und Mallorca. Der Knoten soll endlich aufgehen und das ganz große Ziel ist es, das Rennen in weniger als zehn Stunden zu beenden. Leider läuft auch in diesem Jahr die Vorbereitung nicht optimal und im April sieht es zeitweise so aus, als könnte ich gar nicht an den Start gehen. Iliotibales Bandsyndrom, besser bekannt unter dem Namen Läuferknie. Fast sechs Wochen kann ich im April und Mai nicht Laufen. In der Vorbereitung reicht es gerade einmal für einen einzigen langen Lauf. Normalerweise macht man davon mindestens zehn oder fünfzehn Stück. Die Form stimmt trotzdem und so mache ich mich am Mittwoch auf den Weg in den Süden zum Ironman Austria in Klagenfurt am Wörthersee.

Die Anreise alleine ist schon ein Abenteuer. Mit dem Auto geht es zu meinen Eltern und von dort dann weiter mit dem Wohnmobil. Leute, das könnt ihr Euch vielleicht nicht vorstellen, aber mit dem Ding in den Urlaub zu fahren ist wie eine Zeitreise. Als Kind bin ich mit meinen Eltern und Geschwistern jahrelang mit genau diesem Wohnmobil unterwegs gewesen. In Frankreich, Italien Frankreich oder Dänemark, Schweiz und Österreich. Der Anblick, der Geruch, die Abläufe, das ist alles noch genauso wie vor vielen vielen Jahren. Jetzt kann man sich denken, dass eine Fahrt in einem uralten Wohnmobil mit 70 PS und Handschaltung nicht unbedingt entspannt ist. Es gibt aber nichts, das mehr entschleunigt, als die Gewissheit, dass man sich keinen Stress machen muss. Mehr als 90 Kilometer pro Stunde sind nicht drin, bergab einen langsamen LKW überholen – das höchste der Gefühle. Dazu kommt, dass der Campingplatz in Klagenfurt einen Steinwurf von Schwimmstart, Ziel und Messe entfernt ist. Perfekte Voraussetzungen!

Der Tag davor:

Aktivierungslauf vor dem großen Tag

Aktivierungslauf vor dem großen Tag

Der Samstag vor dem Rennen ist mittlerweile schon fast zur Routine geworden. Die Startunterlagen sind schon abgeholt, das Rad wird vorbereitet und die Wechselbeutel gepackt. Im blauen Beutel verschwinden alle Sachen, die ich zum Radfahren benötige, im roten Beutel Socken und die Laufschuhe. Damit geht es am Landkanal (die letzten 1000m der Schwimmstrecke) entlang zur Wechselzone, in der freundliche Helfer den Weg weisen. Rad an den vorgesehen Platz, die Beutel am entsprechenden Ständer vor dem Wechselzelt und schon ist der Check-In erledigt. Schnell zurück auf den Campingplatz und Beine hochlegen. Am Abend werden die Speicher noch einmal mit Kohlenhydrate aufgefüllt und um 21 Uhr ist Bettruhe angesagt. Morgen ist der große Tag, Morgen stehen 226 lange Kilometer im Wasser, auf dem Rad und zu Fuß auf dem Plan. Der Wecker klingelt um 3:30 Uhr.

Vor dem Rennen:
Guten Morgen Selbstvertrauen! Selbstvertrauen? Hallo? Hallo? Haaaaaaallllloooooo? Weg! Einfach weg. Ich bin, wie immer nur wenige Stunden vor dem Start, ein Häufchen Elend. Ein emotionales Wrack. Zum Glück gibt es auch hier inzwischen routinierte Abläufe, aber ohne Hilfe bin ich am Rennmorgen nicht fähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Die ersten Tränen kullern am Eingang zur Wechselzone, denn dort warten die Helfer mit einer LaOla-Welle für jeden Starter der diesen Bereich betritt. Ich kann mich kaum an die halbe Stunde am Morgen erinnern, alles läuft ab wie im Film. Reifen aufpumpen, Flaschen am Rad deponieren und nochmal checken, ob der richtige Gang eingelegt ist. Anschließend schaue ich zum x-ten Mal nach, ob die Laufschuhe und die Socken im Beutel sind und tatsächlich, sie sind noch da! Danach geht es noch einmal am Wohnmobil vorbei, der 2XU-Neo wird über die Schulter geworfen und schon bin ich im Strandbad in Klagenfurt und kurz danach heule ich wie ein kleines Kind. Anspannung, Aufregung, Respekt und Vorfreude sind bei mir eine explosive Mischung. Ein paar MIuten bleiben bis zum Start, der als Rolling Start durchgeführt wird. Ich werde von hinten langsam nach vorne geschoben, beim Überqueren der Zeitmessmatte der erste Piepser des Tages, es geht los!

Das Schwimmen:
Es ist schon verwunderlich wie sich alles auf einmal auflöst. Die Anspannung, die Übelkeit und Aufregung. Wie weggeblasen. Die ersten Meter im Wasser fühlen sich großartig an und ich fühle mich richtig gut. Einzig die Tatsache, dass ich permanent überhole wundert mich etwas. Ich hatte mich beim Rolling Start in die Gruppe mit einer Schwimmzeit kleiner als 60 Minuten eingereiht. Ziemlich am Ende, sodass ich eventuell etwas vom Wasserschatten schnellerer Schwimmer profitieren kann aber auch nicht völlig fehl am Platz bin. Kurz vor der ersten Boje, nach ungefähr 1000 Metern, wird es dann richtig eng und es gibt die sonst auf den ersten Metern üblichen Schlägereien im Wasser. Offensichtlich haben sich einige Schwimmer viel zu weit vorne eingereiht und die blockieren jetzt die Strecke für schnellere Schwimmer. Ich versuche mich aus dem gröbsten raus zu halten und irgendwie vergeht die Zeit diesmal wie im Flug. Zack, rum um die zweite Boje und schon befinde ich mich auf dem Rückweg Richtung Lendkanal. Die Orientierung ist wahnsinnig schwierig, weil wir gegen die aufgehende Sonne schwimmen. Das absolute Highlight der Schwimmstrecke wartet aber nach rund 2,7 Kilometern: der Lendkanal! Die letzten rund 1.100 Meter geht es in diesem Kanal zum Schwimmausstieg. Links und rechts Zuschauer, auf jeder Brücke klatschende Fans. Ich bin völlig aus dem Häuschen und die sonst so zähen letzten Meter vergehen wie im Flug. Ich kann im Kanal immer noch ständig überholen und steige nach 1:02:59 aus dem Wasser. Gefühlt war dies mein bestes Schwimmen das ich bei einer Langdistanz bisher gezeigt habe, schneller war ich nur auf Mallorca. Ein perfekter Start in den Tag!

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Die Begeisterung für den Regen hält sich in Grenzen bei Kilometer 160

Das Radfahren:
Mit der Euphorie nach dem Schwimmen geht das Rad fahren gleich viel lockerer. Bei der Strecke sowieso, denn die ersten Kilometer gehen wunderschön am Wörthersee entlang. Zurückhalten will ich mich insbesondere auf der ersten Runde, das hat mir mein Trainer Stephan Vuckovic mit auf den Weg gegeben. Am Vortag habe ich außerdem ein TShirt gesehen, mit einer Aufschrift, die mich sehr beschäftigt hat. Dort stand nämlich statt dem üblichen Slogan swim-bike-run der sehr selbstironische Spruch swim-overbike-walk! In den letzten ironman-Rennen musste ich immer am Ende gehen und konnte den Marathon nie durchlaufen. Ob es vielleicht auch am übereifrigen Radfahren lag?

Auf der ersten Runde sehe ich ab und zu kleiner Gruppen, jedoch kein Vergleich zu anderen Rennen, bei denen zum Teil in 20er oder 30er Gruppen verbotenerweise im Windschatten gefahren wurde. Irgendwann bin ich völlig alleine unterwegs und es ist weder vor noch hinter mir ein anderer Sportler zu sehen. Sozusagen im totalen Niemandsland des Rennens spule ich einen Kilometer nach dem anderen ab. Die Anstiege komme ich problemlos hoch, die Verpflegung klappt wie am Schnürchen und zack, bin ich wieder in Klagenfurt und mache mich auf die zweite Runde. Hier schließe ich zu einer Gruppe auf, halte mich erst einige Meter dahinter, dann drücke ich aber vorbei und bin wieder zurück in meinem einsamen Rennen. Bis Kilometer 150 bin ich auf meinem Specialized Shiv Pro sowas von entspannt im Zeitplan, dass ich mir schon fast Sorgen mache. Keine Krämpfe, keine mentalen Tiefs und die Verpflegung klappt weiterhin gut. Unfassbar.

Dann wird es auf einmal doch spannend, denn um mich herum wird es schwarz. Wind kommt auf und dunkle Wolken ziehen vor die Sonne. Die ersten Tropfen fallen und kurz darauf schüttet es in Strömen. Richtig aus der Ruhe bringt mich das aber nicht, dafür läuft es bisher einfach viel zu gut. Etwas ärgerlich ist es zwar trotzdem, weil ich in der Abfahrt nicht mehr so schnell um die Kurven fliegen kann. Auf der anderen Seite musste ich auch bewusst nochmal Druck und Tempo raus nehmen, was dem anschließenden Marathon nicht unbedingt zum Nachteil werden sollte. Nach 4:58 Stunden, mit einem Schnitt von über 36 Kilometer pro Stunde stelle ich das Rad in der noch extrem leeren Wechselzone ab und schnappe mir meinen Laufbeutel. „Jetzt muss ich nur noch Laufen“ hat Anna-Sophia beim Ironman Lanzarote 2008 in die Kamera gesagt. „Nur noch Laufen, Matthias!“, denke ich mir, „nur noch Laufen!“

Der Marathon:
25_m-400515187-DIGITAL_HIGHRES-1311_047366-1947500Hat sich jemand meine Wechselzeiten angeschaut? Hoffentlich nicht. Schwamm drüber, ich habe mir wirklich viel Zeit gelassen. Trotzdem läuft es auf den ersten Kilometern überhaupt nicht. Nils Goerke, Trainer von einigen Kumpels aus Hamburg, steht schon kurz nach dem Laufstart an der Strecke und feuert mich an. Er weiß, dass ich bisher immer Probleme mit dem Marathon hatte und ruft mir zu, dass ich ihn diesmal durchziehen soll, bei perfekten äußeren Bedingungen. Mathias Müller hat mir am Vorabend noch einmal bei einem längeren Telefonat eingetrichtert, dass ich laaaaangsam loslaufen soll. Das gleiche hat mir auch Vucko empfohlen und es geht auch überhaupt nicht mehr. Ich habe ganz extreme Magenkrämpfe, mein Bauch ist steinhart und ich muss immer wieder kurz gehen. Aber auch das bringt mich heute nicht im Ansatz aus der Ruhe. Nach 3 Kilometern lockerem Trab lost sich auf einmal alles und ich kann locker laufen. Wieder fällt mir ein Spruch aus dem 2008er Lanzarote Projekt ein. „Mit der Cola geht´s“ hat Martin Hager damals gesagt und so ist es jetzt auch bei mir. Im Prinzip gibt es bis Kilometer 30 nichts zu erzählen, außer dass ich einen unglaublichen Lauf hatte. Durchgangszeit für den Halbmarathon nach 1:42 Stunden, bei Kilometer 30 bin ich nach 2:26 Stunden. Alles nach Plan und dann kommen die letzten 10 Kilometer. Der persönliche Insolvenzverwalter kommt vorbei und kassiert die letzten Körner Energie. Vorbei, rien ne va plus – nichts geht mehr? Panik, schlechte Laune? Fehlanzeige. Ich habe aus den Rennen gelernt und ich bin immer noch super gut im Plan. Fast 90 Minuten für die letzten 10 Kilometer um das große Ziel zu erreichen. Ich rechne noch einmal kurz nach und trabe langsam Richtung Klagenfurt City, zum letzten Wendepunkt. Auf dem Weg hänge ich mich noch mal für kurze Zeit an einen Athleten dran, den ich aber in der Verpflegungsstelle verliere. Den Wendepunkt passiere ich völlig ausgelaugt und trotzdem kann ich einige Kilometer nochmal zügig hinter mich bringen.

42_m-400515187-DIGITAL_HIGHRES-1311_069640-1947517Spannend wird es nochmal bei Kilometer 41, also nur wenige Meter vor dem Zielt. Meine Lippen und mein Mund sind völlig taub, meine Finger kribbeln wie verrückt. Ein Zeichen, dass sich der Kreislauf langsam verabschiedet. Also nochmal Ruhe rein bringen und ich entschließe mich ein paar Meter zu gehen. Sogar die letzte Verpflegungsstelle nur 200 Meter vor dem Ziel nehme ich mit. Cola, Schwamm, kühlen – frisch machen für den Zieleinlauf. Ich bin so froh, so happy und uneingeschränkt glücklich. Endlich hat es geklappt, endlich bin ich vernünftig durch gekommen. Der Tag ist nur so an mir vorbei geflogen und jetzt laufe ich die letzten Meter am Wörtersee und biege auf den magischen roten Teppich ab. Tausend Gedanken schießen mir in den Sinn und trotzdem bin ich so leer im Kopf. Eine Mischung aus Müdigkeit, Erschöpfung, Glück, Freude und Dankbarkeit.  9:43 Stunden nachdem ich den ersten Schritt des Tages über die Zeitmessmatte am See gemacht habe, piepst es zum letzten Mal beim Überqueren der Ziellinie. Es ist geschafft und es kullern zwei, drei Tränen über die Wangen. Genau wie am Morgen vor dem Start. Ich bin halt einfach eine Heulsuse!

Apropos Suse: Ich habe überlegt ob ich allen Beteiligten auf dem Weg nach Klagenfurt hier persönlich danken möchte. Das wird vermutlich ein unendlich langer Text deswegen werde ich das vielleicht mal separat machen. Ohne Susanne Moede wäre ich aber nicht in Klagenfurt an den Start gekommen. Deswegen möchte ich mich hier auf diesem Weg noch einmal recht herzlich für die Partnerschaft mit Sportlerseele bedanken. Mehr gibt es dazu in den nächsten Tagen als eigenen Blogeintrag, denn was ich mit Suse in den letzten Monaten erleben durfte, muss ich Euch ausführlich erzählen.

Jetzt freue ich mich auf ein paar Tage ohne Sport, es wird aber definitiv weitergehen. Ich werde ein paar Rennen in der Regionalliga mit meinem Verein, den Triabolos Hamburg e.V., machen und ziemlich sicher noch einen Ironman 70.3 in die Saison einbauen. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Viele Grüße
Euer Matthias

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