Ironman Los Cabos

Hallo Leute,

ich hatte es bei Facebook schon geschrieben, und wer mir dort folgt, weiß schon, wie ich über das Rennen denke, was ich mir vorgenommen hatte und wie es für mich ausgegangen ist. Trotzdem möchte ich die Ereignisse rund um den Ironman Los Cabos hier noch einmal aufarbeiten. Für mich und natürlich für Euch!

Registration beim Ironman Los Cabos

Fangen wir also ganz vorne an. Eigentlich hatte ich den Ironman gar nicht wirklich auf dem Plan. Roger, ein guter Freund aus der Schweiz war im letzten Jahr dort und hatte mich irgendwann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, dieses Jahr mitzukommen. Nach kurzer Überlegung und Recherche schien mir Los Cabos ein gutes Pflaster, um die Saison 2017 versöhnlich zu beenden. Eine Saison, die wahnsinnig schwierig war für mich. Erst war ich lange verletzt, dann war ich zweimal (im Juni und im September) für jeweils 3 Wochen krank. So bin ich überhaupt nicht in den notwendigen Rhythmus gekommen und immer wieder wurde ich rausgerissen aus dem Training. Ein spätes Rennen sollte mir also nochmal Zeit verschaffen, dazu liegt mir die anspruchsvolle Radstrecke und ein übersichtliches Feld (nur 500 Starter) sollten für klare Windschatten-Verhältnisse sorgen. Ehrlich gesagt hatte ich im zweiten Schritt auch den Gedanken an eine frühe Quali für Kona 2018, denn mit einem sehr guten Rennen, das war mir klar, hatte ich hier definitiv Chancen. In der Spitze ist Los Cabos auch in den letzten Jahren schon stark besetzt gewesen, allerdings eben nicht in der Breite, wie zum Beispiel in Frankfurt, Klagenfurt, Hamburg oder bei allen anderen europäischen Rennen. Die Chance auf einen der 40 Slots war also realistisch, wenn auch nicht das primäre Ziel. Mindestens genauso wichtig war mir nämlich auch, dass ich mindestens zwei Wochen einen schönen Urlaub haben wollte, mit Sonne, Strand, Meer und guter Gesellschaft.

Leider hat Roger dann aus unterschiedlichen Gründen absagen müssen, jedoch war meine kleine Schwester sofort begeistert, mich nach Mexiko zu begleiten. Alleine wäre ich definitiv nicht geflogen, mit Heike war die Reise dann schnell gebucht und die Vorfreude riesig.

Acht Tage vor dem Rennen geht es dann für uns über Frankfurt und Dallas nach Los Cabos und schon 24 Stunden nach dem Abflug in Hamburg kommen wir im Hotel an. Eine lange Reise, die mir jedoch überhaupt nicht so lange vorkommt. Vielleicht weil das Entertainment auf dem langen Flug großartig ist, Heike und ich uns viel zu erzählen haben und wir uns einfach auf die gemeinsame Zeit freuen. Die ersten Tage vergehen wie im Flug, ich versuche mich an die Hitze zu gewöhnen und das klappt zusehends. Die Radausfahrten sind sehr abenteuerlich und ich bin jedesmal froh, wenn ich den mexikanischen Autoverkehr überlebt habe. Die Läufe auf der Marathonstrecke zeigen, dass es ein richtig heißer Tanz werden wird. Abgesehen davon, dass es ständig entweder rauf oder runter geht, liegt wohl kein Meter der Strecke im Schatten und das bei vorhergesagten 34 Grad.

Am Donnerstag vor dem Rennen fangt mein persönliches Drama dann an. Nicht unbedingt ungewöhnlich für solche Länder aber insbesondere für mich extrem ungünstig bekommen wir Durchfall und die Medikamente schlagen nur langsam an. Selbst am Samstag geht es mir noch nicht richtig gut. Wie dramatisch sich das auf mein Rennen auswirken soll, zeigt sich dann erst am nächsten Tag. Trotzdem gehe ich am Sonntag mit verhaltener Hoffnung an die Startlinie. Registrierung, Checkin und alles was dazugehört lief problemlos ab, ich hatte super trainiert und unendlich viel Bock auf das Rennen. Die Strecke, die Wechselzone und alles was dazugehört ein absoluter Traum. Die Organisation nicht ganz so durchoptimiert wie ich das aus europäischen Rennen kenne, aber das wird durch den mexikanischen Charme und die Lockerheit wieder wettgemacht. Mir rund 500 anderen Verrückten stehe ich dann um 7.30 Uhr am Strand von Palmille und warte auf das Signal. Tres, dos, uno – the race is on!

Genauso wie auf dem Rad und beim Laufen geht es auch beim Schwimmen selten geradeaus. Ein extrem welliges Schwimmen, bei dem ich immer mal wieder ins Leere greife oder mich eine Welle erwischt als ich gerade atmen möchte. Trotzdem finde ich erstaunlich schnell einen guten Rhythmus, eine super Gruppe und kann die Strecke entspannt zurücklegen. Zwischendurch habe ich die Befürchtung dass ich das Schwimmen etwas verbummelt habe, der Blick auf die Uhr beim Ausstieg sagt allerdings etwas anderes. 1:01 Stunden und damit die schnellste Zeit die ich je in einem Ironman geschwommen bin. Ohne Neo aber dank Salzwasser mit natürlichem Auftrieb. Der Magen hält, der Rest auch, ich winke fröhlich Heike zu, die am Ausstieg wartet und renne vor lauter Euphorie gleich mal in den falschen Gang. Trotzdem kann ich mit einem schnellen Wechsel einige Plätze gut machen und liege zu Beginn des Radfahrens auf Platz 13 in meiner Altersklasse.

The Arch – Ausflug nach San Lucas

Zum Einstieg gehts auf dem Rad direkt einen steilen Berg hoch und anschließend in leichten Wellen Richtung Südwesten nach San Lucas. Die Strecke kenne ich bereits, da wir am Freitag einen Ausflug nach San Lucas gemacht hatten. Wunderschön an der Küste entlang und dazu fühle ich mich großartig. Weiterhin ist an der Verdauungsfront völlige Ruhe und ich kann die von Mario vorgegebenen Wattwerte prima und problemlos einhalten. Schon nach kurzer Zeit merke ich, wie ich mich schnell nach vorne arbeiten kann. Das beflügelt mich weiter und trotzdem kommen mir immer wieder die Worte von meinem Freund Mathias Müller in den Sinn. Warte ab, bleib ruhig, entscheidend wird der Marathon ab Kilometer 21 sein. Also bleibe ich ruhig, versuche konzentriert nicht zu überzocken, mich optimal zu verpflegen und immer wieder zu kühlen, kühlen, kühlen. Kurz vor Ende der ersten Runde kommt mir am Wendepunkt eine Gruppe entgegen in der mehrere Athleten meiner Altersklasse sind. Ich bin nur wenige Sekunden dahinter, mittlerweile auf Platz 10 und es läuft prächtig. „Einfach so weitermachen, ruhig bleiben und dein Ding durchziehen“. Eigentlich schaue ich eh schon viel zu viel auf die anderen, aber ich bleibe trotzdem ganz bei mir und in meinem Rennen.

Dass es in einem Ironman immer wieder zu schwierigen Situation kommt, dass man Tiefs durchstehen muss, das kenne ich. Das weiß ich. Darauf bin ich vorbereitet. Was ab Kilometer 110 mit mir passiert, sind meine persönlich schlimmsten und schwärzesten Stunden auf dem Rad überhaupt. Ich muss erstmals kurz anhalten, aufs Klo und da ist der Durchfall wieder, den ich in meiner Euphorie schon fast vergessen hatte. Kein Problem denke ich mir. Wird schon weitergehen, ging ja bisher auch rund 4,5 Stunden gut. Bei der nächsten Verpflegungsstelle muss ich allerdings wieder absteigen. Dazu kommt, dass ich jetzt auch keinerlei Flüssigkeiten mehr bei mir behalten kann. Der Magen rebelliert in beide Richtungen. Alles was ich zu mir nehme, kommt postwendend wieder raus. Ich weiß, dass ich insbesondere bei diesen Temperaturen viel trinken muss. Ich fülle frische Flaschen in beide Flaschenhalter und stopfe mir noch zwei weitere Flaschen ins Trikot. Wenn schon alles wieder rauskommt, muss ich viel nachschütten in der Hoffnung, dass der Körper wenigstens etwas davon verarbeiten kann.

Ein Großteil der Radstrecke verläuft direkt an der Küste – mit herrlichem Ausblick

Kurz danach merke ich, wie sämtliche Kraft wie weggeblasen ist. Keine Energie mehr. Keine Kraft mehr die Kurbel rum zu drehen. An den kleinsten Anstiegen stehe ich fast. Statt 240 Watt trete ich gerade mal noch 150. Trotzdem versuche ich im Rennen zu bleiben. Verzweifelt kämpfe ich darum Flüssigkeit zu behalten. Schütte immer wieder nach, wenn ich mich auf dem Rad übergeben muss. Ein Athlet überholt mich bei Kilometer 150. „Almost done, buddy!“ ich weiß nicht ob er meinen Körper gemeint hat oder die restliche Strecke. In San Jose steht Heike am Kreisverkehr. Ich halte kurz an und sie ist völlig überrascht. “ Du sollst nicht anhalten, fahr weiter! Das sieht gut aus.“ Ich erkläre ihr kurz was los ist und fahre dann mit dem Versprechen weiter, keinen Quatsch zu machen. Jetzt geht es noch einmal einen längeren Anstieg Richtung Flughafen und ganz oben ist noch einmal eine Verpflegungsstelle. Auf dem Weg dorthin überholen mich Athleten, die ich kurz danach nicht mehr wiedersehe. Schieben möchte ich das Rad gerne. Absteigen und schieben. Wattwerte schaue ich mir gar nicht mehr an. Eine Mischung aus Verzweiflung und Wut macht sich breit. Tränen steigen mir in die Augen. Ich schaue auf mein Handgelenk. Dort steht in großen Buchstaben. „Pa´a – Wille ist alles“. Also hör auf rumzuheulen und kämpfe, sag ich mir so laut, dass sich der Athlet umdreht, der gerade spielend an mir vorbei gefahren ist.

Oben angekommen geht es auf direktem Weg noch ungefähr fünf Kilometer in die zweite Wechselzone. Nur noch bergab und trotzdem steige ich noch einmal von Rad. Ich weiß genau, dass das hier meine letzte Chance ist. Die letzte Chance irgendwie zurück zu kommen. Mir ist schwindelig. Mir ist schlecht. Ich setzte mich in den Schatten und sofort kommen Helfer und fragen, ob alles in Ordnung ist. Bringen mir Gatorade, Wasser und Bananen. Gels lehne ich ab. Ich hätte gerne Cola gehabt, die gibt es auf der gesamten Radstrecke aber leider nicht. Rund 15 Minuten sitze ich dort oben im Schatten und versuche alles, um zu Kräften zu kommen. Versuche alles, um irgendwie Energie aufzunehmen und in mir zu behalten. Ich will dieses Rennen nach Hause bringen aber je länger ich dort sitze, desto klarer wird mir, dass ich das nicht schaffen werde. Mein Körper hat den Kampf längst aufgegeben. Der Kopf realisiert langsam, dass es nicht mehr darum geht ein Tief zu überstehen sondern keine ernsthaften gesundheitlichen Risiken einzugehen. Spätestens mit dem Einsetzen von kurzen Sehausfällen ist die Entscheidung gefallen. Nach einer gefühlten Ewigkeit steige ich auf mein Rad und rolle zurück in den Ort. Dort nimmt mir ein Helfer das Rad ab und obwohl ich mir die Laufschuhe noch anziehe, begleitet Heike mich direkt ins 200 Meter entfernte Hotel. Game over.

Mit diesem Motto hat alles angefangen – immer dabei die vier Jungs und Anna aus dem Lanzarote Projekt 2008

Nach ein paar Stunden im Bett und etlichen erfolglosen Versuchen kann ich endlich wieder Flüssigkeit aufnehmen. Danach geht es langsam bergauf und gegen späten Abend bin ich wieder halbwegs auf dem Damm. Enttäuscht und traurig über das Rennen, aber auch froh, dass nichts schlimmeres passiert ist. Einen Marathon hätte ich niemals mehr gehen können, geschweige denn laufen oder rennen. Nach knapp 2,5 Stunden bei über 30 Grad auf dem Rad war ich einfach vollkommen dehydriert und völlig entkräftet. Mario hat das nach dem Rennen dann ganz trefflich formuliert: „Es zeigt sich wieder einmal, dass man für einen Ironman einfach hunderprozentig gesundheitlich auf der Höhe sein muss.“ Und auch wenn ich die ersten Rennstunden die Hoffnung hatte, dass es gehen würde haben die folgenden Stunden gezeigt, dass die Tage zuvor ihre Spuren hinterlassen haben.

Ich möchte mich hier noch einmal für alle Nachrichten bedanken, die mich auf unterschiedlichen Wegen erreicht haben. Vielen Dank für die tollen, liebevollen und aufmunternden Worte. Ganz besonderen Verdienst daran, dass ich trotz desaströsem Ergebnis auch mit einem lachenden Auge Los Cabos verlassen habe, hat meine liebe Schwester. Heike, es war ein wunderschöner Urlaub, eine großartige Zeit und unglaublich lustig mit Dir. Selten habe ich so viel gelacht, wie in diesen zehn Tagen und viel zu wenig Zeit haben wir in den vergangenen Jahren gehabt. Ich bin so froh und dankbar, dass ich Dich habe und ich hoffe, dass wir bald wieder ein solches Abenteuer starten.

Ich genieße noch ein paar Tage Auszeit in Los Angeles, bevor es dann am Sonntag wieder zurück nach Hamburg geht. Wie es mit dem Triathlon weitergeht werde ich in den nächsten Wochen entscheiden. Ein paar Ideen habe ich im Kopf, ich wollte ja zum Beispiel immer schon mal beim Gigathlon in der Schweiz starten. Also schauen wir mal, was der Winter bringt.

Macht es gut und passt auf Euch auf!
Sonnige Grüße aus Kalifornien

Matthias

Entspannung am Pool – ein herrlicher Urlaub mit meiner Schwester tröstet etwas über die Enttäuschung im Rennen hinweg

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